Deutschsprachige Finanzminister beraten in Liechtenstein über die Lasten der kommenden Jahrzehnte
Liechtenstein hat am Montag das jährliche Treffen der Finanzministerinnen und Finanzminister der deutschsprachigen Länder ausgerichtet. Gastgeberin war Regierungschefin und Ministerin für Präsidiales und Finanzen Brigitte Haas. Mit am Tisch sassen der deutsche Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, die Schweizer Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Luxemburgs Finanzminister Gilles Roth sowie Staatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl aus dem österreichischen Finanzministerium. Im Zentrum standen die langfristigen finanzpolitischen Herausforderungen, die Resilienz der Finanzwirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit Europas.
Liechtenstein: Polster für steigende Gesundheitskosten

Regierungschefin Haas verwies auf das geschnürte Paket zur Stabilisierung der Gesundheitskosten. Dieses werde den Staatshaushalt belasten, trage aber dazu bei, die Bevölkerung und das Gesundheitssystem zu stärken. Um solche Vorhaben finanzieren zu können, brauche es ein stabiles finanzielles Polster – Voraussetzung dafür, dass Liechtenstein ein lebenswertes Land bleibe.
Ein weiteres Thema aus liechtensteinischer Sicht war der Finanzplatz. Als stark exportorientierte Volkswirtschaft verfüge Liechtenstein über einen starken Finanzplatz, sagte Haas. Die Einhaltung internationaler Standards und die internationale Zusammenarbeit seien dabei von grösster Bedeutung; gerade dafür sei der persönliche Austausch wichtig.
Gesprochen wurde auch über Cyberangriffe. Liechtenstein hat solche Angriffe zuletzt selbst erlebt – und die Runde stellte fest, dass es allen Beteiligten ähnlich ergeht. Cyberrisiken zählen inzwischen zu den grössten Bedrohungen für den Finanzsektor.
Deutschland: Investitionen trotz höherer Zinsen

Lars Klingbeil zeichnete ein Bild starker globaler wirtschaftlicher Verwerfungen. Der Krieg im Iran habe nicht nur in der Region, sondern weltweit Schaden angerichtet; die Anlagemärkte seien beunruhigt. Der Zinsanstieg der vergangenen Tage und Wochen sei nach seiner festen Überzeugung eine Folge der globalen Unsicherheit, die durch die Intervention von US-Präsident Donald Trump im Iran ausgelöst worden sei.
Deutschland halte dennoch an seinem Kurs fest: Reformen, massive Investitionen in die Modernisierung des Landes, in Bildung und in erneuerbare Energien. Mit einem Investitionspaket von 500 Milliarden Euro werde der über Jahrzehnte aufgebaute Investitionsstau abgearbeitet – spürbar etwa im Wohnungsbau. Gleichzeitig investiere Deutschland in Sicherheit und übernehme in der NATO eine wichtige Rolle für ganz Europa.
Der Kritik, für Sicherheit würden Schulden gemacht, hielt Klingbeil entgegen: „Nichts wäre teurer als jetzt nichts zu investieren.“ Und weiter: „Die richtige Antwort auf die globale Krise ist, eigene Stärke zu entwickeln.“
Als zweites Schwerpunktthema nannte der deutsche Finanzminister den Klimaschutz. Der Sommer habe die Auswirkungen deutlich vor Augen geführt – schwere Waldbrände, eine hohe Zahl an Hitzetoten und niedrige Wasserstände in den Flüssen. Das treffe Menschen und Natur, aber auch die Wirtschaft. Die Konsequenz müsse sein, den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft voranzutreiben.
Schweiz: Prioritäten setzen statt Probleme wegdiskutieren

Karin Keller-Sutter bedankte sich für die Einladung und kündigte an, dass die Schweiz das Treffen im kommenden Jahr ausrichten wird. Der Wert des Formats liege im Erfahrungsaustausch – auch deshalb, weil nicht alle teilnehmenden Länder Zugang zu denselben internationalen Gremien haben und Anliegen der Finanzpolitik so über die Landesgrenzen hinweg eingebracht werden können.
Als Kostentreiber der kommenden Jahre nannte sie die Verteidigungsausgaben, die Sicherung der Altersvorsorge, den Klimaschutz und das Gesundheitswesen. Diese Herausforderungen liessen sich nicht einfach wegradieren; entscheidend sei, Prioritäten zu setzen und die Mittel gezielt einzusetzen. Die Schweiz könne sich dabei auf die Schuldenbremse stützen: „Solide Finanzen sind kein Selbstzweck, sondern ein wichtiger Pfeiler der Finanzstabilität.“ Sie schafften den Handlungsspielraum, der in Krisen gebraucht werde.
Bei der Wettbewerbsfähigkeit Europas verwies Keller-Sutter auf Offenheit und den Zugang zu Kapital. Die Schweiz verfüge gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich über den grössten Kapitalpool Europas – ein Potenzial, das sich durch besseren Marktzugang nutzen liesse, zum Vorteil Europas wie der Schweiz. Bei der Resilienz der Finanzwirtschaft stehe in der Schweiz derzeit die Bankenregulierung im Vordergrund, mit der sich das Parlament in Kürze befassen wird.
Österreich: Demografie als Hauptrisiko
Aus österreichischer Sicht standen die Folgen der demografischen Alterung im Vordergrund – steigende Pensions-, Gesundheits- und Pflegeausgaben, dazu höhere sicherheitspolitische Anforderungen und die fiskalischen Auswirkungen des Klimawandels. Staatssekretärin Eibinger-Miedl verwies auf die neue Industriestrategie, die ab 2028 geplante Senkung der Lohnnebenkosten um zwei Milliarden Euro und Massnahmen im Energiebereich.
Zusammenstehen in unsicheren Zeiten
Zum Abschluss sprachen die Teilnehmer über die internationale Lage. Angesichts der vielen Krisen sei es wichtig, dass Europa und insbesondere die deutschsprachigen Länder zusammenstehen und sich an gemeinsame Regeln halten, sagte Regierungschefin Haas – auch wenn dies längst nicht alle Staaten täten. Langfristig sei das der richtige Weg.
Das Treffen dauerte bis Dienstag. Gastgeberin des nächsten Jahrgangs ist die Schweiz.

