25 Jahre Liechtenstein Institute on Self-Determination: Eine liechtensteinische Idee mit globalem Anspruch

25 Liechtenstein Institute of self determination

Seit 25 Jahren verbindet das Liechtenstein Institute on Self-Determination an der Princeton University Wissenschaft, Diplomatie und Politik. Beim Jubiläumsanlass in Vaduz ging es um die Zukunft der internationalen Ordnung – und um das Vermächtnis des im Februar verstorbenen Gründungsdirektors Wolfgang Danspeckgruber.

Es sollte ein Jubiläum werden – und wurde zugleich zu einem Abschied. Am Vorabend des Staatsfeiertags versammelten sich am Freitagnachmittag im Rathaussaal Vaduz Erbprinz Alois, Regierungschef-Stellvertreterin und Aussenministerin Sabine Monauni, Diplomaten, Landtagsabgeordnete und Vertreter internationaler Organisationen, um das 25-jährige Bestehen des Liechtenstein Institute on Self-Determination (LISD) an der Princeton University zu feiern.

Erbprinz Alois eröffnete den Anlass, der unter dem Titel «To Determine our Destiny: Liechtenstein and Self-Determination» stand. Monauni stellte in ihrer Ansprache die Bedeutung der Selbstbestimmung für die liechtensteinische Aussenpolitik heraus. Zugleich war der Nachmittag von einer persönlichen Zäsur geprägt: Wolfgang Danspeckgruber, der das Institut vor 25 Jahren gegründet und über lange Zeit geprägt hatte, war im Februar dieses Jahres im Alter von 70 Jahren gestorben. Kaum ein Redner kam in seinen Ausführungen ohne eine Erinnerung an ihn aus.

Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder einer, der selbst nicht mehr dabei sein konnte: Wolfgang Danspeckgruber. Der Gründer und langjährige Direktor des Instituts war im Februar dieses Jahres im Alter von 70 Jahren gestorben. Seine Arbeit und sein persönliches Netzwerk prägten das LISD über ein Vierteljahrhundert.

Selbstbestimmung als Staatsräson

Aussenministerin Sabine Monauni schlug in ihrer Ansprache den Bogen vom UNO-Beitritt Liechtensteins im Jahr 1990 zur heutigen internationalen Lage. Der Beitritt zu den Vereinten Nationen sei damals keineswegs ein rein formaler Schritt gewesen, sagte Monauni. Ihm sei eine intensive nationale Debatte vorausgegangen. Liechtenstein habe nicht einfach Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft werden wollen, sondern damit seine eigene Souveränität bekräftigt.

Zugleich habe das Land ein klares Bekenntnis abgelegt: Internationale Beziehungen sollten auf Recht und nicht auf Gewalt beruhen. Selbstbestimmung sei seither ein Leitmotiv der liechtensteinischen Aussenpolitik. Schon eine der ersten Initiativen des Landes nach dem UNO-Beitritt habe sich mit diesem Thema beschäftigt.

Dabei gehe es um weit mehr als die Gründung neuer Staaten. Selbstbestimmung bedeute, dass Völker ihr Schicksal selbst gestalten könnten – innerhalb bestehender Staaten ebenso wie auf internationaler Ebene.

Monauni verwies auf unterschiedliche Beispiele: Für Liechtenstein werde die eigene Souveränität durch die aktive Mitarbeit in internationalen Organisationen gestärkt. Für die Ukraine stehe Selbstbestimmung für die Verteidigung von Souveränität, Unabhängigkeit und territorialer Integrität gegen die russische Aggression. Für tief liegende Inselstaaten wiederum stelle sich angesichts des steigenden Meeresspiegels die Frage, wie ihre Staatlichkeit und ihre rechtliche Existenz gesichert werden könnten.

Ein erheblicher Teil der weltweiten Konflikte habe eine Frage der inneren oder äusseren Selbstbestimmung zum Kern, sagte die Aussenministerin. Dennoch werde dieser Aspekt in der Konfliktprävention und Vermittlung aus politischen Gründen noch immer zu selten offen angesprochen.

Monauni verband dies mit einer grundsätzlichen Warnung vor dem Zustand der internationalen Ordnung. Die Welt befinde sich in einer Phase wachsender Unsicherheit. Einige der mächtigsten Staaten wendeten sich vom Multilateralismus ab und stellten jene Regeln und Institutionen infrage, auf denen internationale Zusammenarbeit beruhe.

Gerade Kleinstaaten müssten deshalb enger zusammenarbeiten. Selbstbestimmung stehe dabei an erster Stelle – «aber sie kann nur dann Bedeutung haben, wenn sie durch Recht geschützt ist».

Aus einer Idee wurde ein internationales Zentrum

Für Amaney Jamal, Dekanin der Princeton School of Public and International Affairs, war es der erste Besuch in Liechtenstein. Sie erinnerte an die Anfänge des Instituts.

Fürst Hans-Adam II. hatte vor mehr als 25 Jahren die finanziellen Voraussetzungen geschaffen, um die bereits bestehende Forschung zur Selbstbestimmung dauerhaft zu institutionalisieren. Ziel war es, eine Brücke zwischen Wissenschaft, Politik und Diplomatie zu bauen.

Aus diesem Vorhaben sei ein international beachtetes Zentrum entstanden, sagte Jamal. Das LISD verbinde Forschung, Lehre und Publikation und befasse sich mit den komplexen Fragen der Selbstbestimmung in einer globalisierten Welt.

Wie international das Netzwerk inzwischen ist, zeigt laut Jamal die Gästeliste des Instituts. EU-Spitzenpolitiker, ehemalige Staats- und Regierungschefs sowie hochrangige Diplomaten seien in den vergangenen Jahren zu Gast gewesen.

Besonders profitieren davon die Studenten. Im Programm «International Policy Associates» treffen sie Vertreter aus Regierungen, Unternehmen, Medien und Nichtregierungsorganisationen. Studienreisen führten zuletzt nach Brüssel, Wien, Paris, Berlin, Taiwan, Estland und Finnland – sowie nach Liechtenstein. Im Frühjahr reiste eine Studentengruppe im Rahmen des Afrika-Programms nach Kenia.

Eine besondere Rolle spielt die jährliche Simulation der liechtensteinischen Vetoinitiative. Gemeinsam mit der Ständigen Vertretung Liechtensteins in New York analysieren Studenten mögliche Szenarien und Folgen eines Vetos im UNO-Sicherheitsrat. Das Format besteht seit vier Jahren und soll fortgeführt werden.

Danspeckgrubers Vermächtnis

Jamal machte deutlich, dass Princeton auch nach Danspeckgrubers Tod an dessen Arbeit anknüpfen will.Geprüft werde, wie sein Vermächtnis dauerhaft weitergeführt werden könne. Im Raum stehen unter anderem Praktikums- und Fellowship-Programme in seinem Namen mit Schwerpunkt auf Frieden, Diplomatie und humanitärer Arbeit. Auch eine dauerhafte öffentliche Würdigung seines Wirkens ist vorgesehen.

Danspeckgruber habe das Institut nicht nur fachlich geprägt, sondern auch ein aussergewöhnliches internationales Netzwerk aufgebaut. Genau dieses Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis soll erhalten bleiben.

Die Princeton Group und die Reform der UNO

Wie eng Forschung und Diplomatie miteinander verbunden sind, zeigte das erste Podium. Mathu Joyini, Distinguished Diplomat-in-Residence bei der United Nations Foundation und ehemalige Ständige Vertreterin Südafrikas bei den Vereinten Nationen, diskutierte mit Christian Wenaweser, der Liechtenstein seit 2002 in New York vertritt.

Im Zentrum stand die sogenannte Princeton Group. Entstanden ist sie Anfang 2025. Nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten herrschte in der UNO-Gemeinschaft grosse Unsicherheit. Viele Diplomaten befürchteten einen grundlegenden Kurswechsel und eine Schwächung des Multilateralismus.

Wenaweser und andere Vertreter entschieden sich deshalb für einen ungewöhnlichen Ansatz: Statt in grossen Sitzungen übereinander zu reden, sollten unterschiedliche Akteure an einen Tisch kommen und vertraulich über die Zukunft der UNO diskutieren.

Eine dauerhafte Gruppe sei zunächst gar nicht geplant gewesen, sagte Wenaweser. Die Gespräche seien jedoch so offen und intensiv verlaufen, dass sich die Beteiligten auf weitere Treffen verständigten. Der Name «Princeton Group» blieb – nach dem Ort des ersten Treffens.

Wenaweser sieht in der aktuellen internationalen Krise auch eine Möglichkeit zur Veränderung. «Wenn es diese Art von Störung gibt, bricht sie Strukturen auf, die sonst kaum zu bewegen sind», sagte er.

Die UNO sei mit erheblichen strukturellen Problemen konfrontiert. Nun müsse die bestehende Dynamik genutzt werden, um Reformen anzustossen. Warum ausgerechnet Liechtenstein eine solche Runde initiiert habe, wurde Wenaweser gefragt. Seine Antwort fiel knapp aus: «Wir haben es getan, weil es nötig war und niemand sonst es getan hat.»

Liechtenstein wolle in New York nicht nur beobachten und berichten, sondern dort, wo es möglich sei, selbst gestalten. Joyini bestätigte diese Einschätzung aus südafrikanischer Sicht. Gerade kleine Staaten könnten Räume schaffen, in denen die 193 UNO-Mitglieder nicht nur als politische Blöcke aufträten, sondern in kleineren Runden nach konkreten Lösungen suchten.

Zu viele Aufgaben, zu wenig Überblick

Die Princeton Group beschäftigt sich vor allem mit drei Fragen: Geld, Mandate und Strukturen. Bei den Finanzen müsse man sich darauf einstellen, dass künftig weniger Mittel zur Verfügung stehen. Wenaweser hält allerdings wenig von der Vorstellung, man könne mit weniger Ressourcen automatisch mehr erreichen. Möglich sei jedoch, das vorhandene Geld wesentlich effizienter einzusetzen.

Auch die Mitgliedstaaten müssten Verantwortung übernehmen. Die UNO erfülle jene Aufgaben, die ihr von den Staaten übertragen würden. «Wir können uns nicht über eine Bürokratie beklagen, die wir selbst geschaffen haben», sagte Wenaweser.

Es brauche deshalb den politischen Willen, Mandate auch wieder zu beenden. Genau das falle Staaten jedoch schwer, weil sie damit oftmals Initiativen aufgeben müssten, für die sie selbst einst eingestanden seien. Hinzu komme ein über Jahrzehnte gewachsenes Geflecht von Organisationen und Zuständigkeiten. Allein im humanitären Bereich seien 37 Organisationen tätig.

Joyini verwies auf einen konkreten Erfolg der Princeton Group. Aus ihren Gesprächen sei die Initiative für jene Resolution hervorgegangen, mit der die UNO-Generalversammlung im Frühjahr 2026 ein Verfahren zur Schaffung, Umsetzung und Überprüfung von UNO-Mandaten beschlossen habe.

Neue Aufgaben würden zu häufig beschlossen, ohne zu prüfen, ob ähnliche Mandate bereits existierten und welche Erfahrungen damit gemacht worden seien. Auch die Rolle des Sicherheitsrats werde häufig zu stark auf das Vetorecht reduziert, sagte Joyini. Für Südafrika habe die UNO in der Geschichte der Befreiung und Entkolonialisierung eine zentrale Rolle gespielt.

Umso wichtiger sei die liechtensteinische Vetoinitiative: Wer im Sicherheitsrat ein Veto einlegt, soll sich vor der Generalversammlung erklären müssen.

Selbstbestimmung entscheidet über Krieg und Frieden

Das zweite Podium führte zurück zum Kernthema des Instituts: der Selbstbestimmung als Faktor in internationalen Konflikten. Itonde Kakoma, Präsident und CEO der Genfer Organisation Interpeace, und Vlad Corbu, stellvertretender Direktor der Amsterdamer Dialogue Advisory Group, diskutierten über die praktische Bedeutung des Prinzips für die Friedensvermittlung.

Kakoma erinnerte daran, dass Selbstbestimmung bereits in Artikel 1 der UNO-Charta verankert ist. Sie stehe damit unmittelbar im Zusammenhang mit dem Gründungsauftrag der Vereinten Nationen. Entscheidend sei jedoch der Umgang mit ungelösten Ansprüchen. Kakoma griff einen Gedanken Danspeckgrubers auf, der seine eigene Arbeit stark geprägt habe: Je länger Fragen der Selbstbestimmung unbeantwortet blieben, desto grösser werde die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Gewalt mündeten.

Seine Erfahrungen aus der Arbeit mit dem früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari zeigten zugleich, wie unterschiedlich Selbstbestimmung umgesetzt werden könne. Kakoma verwies auf Namibia, wo ein langer politischer Prozess schliesslich über Verhandlungen und ein Referendum zur Unabhängigkeit führte. In Aceh wurde 2005 eine Lösung innerhalb der indonesischen Souveränität gefunden. Im Fall Kosovo legte Ahtisaari 2007 einen eigenen Statusvorschlag vor.

Die Beispiele hätten eines gemeinsam: Selbstbestimmung müsse nicht automatisch Sezession bedeuten. Wie fatal es sein könne, politische Alternativen nicht ernsthaft auszuloten, habe er im Südsudan erlebt. Das Friedensabkommen von 2005 habe zunächst darauf abgezielt, die Einheit des Landes attraktiv zu machen. Die Unabhängigkeit sollte erst dann erfolgen, wenn dieses Modell scheiterte.

Am Ende sei jedoch fast ausschliesslich in die Vorbereitung der Trennung investiert worden. Die Folge: Viele der Konfliktursachen von damals bestehen bis heute fort.

130 bewaffnete Konflikte weltweit

Corbu brachte ein Beispiel aus Europa ein. Seine Organisation hatte 2017 den Waffenstillstand der ETA verifiziert und deren Entwaffnung begleitet. Die Organisation habe versucht, die militärische Option aus dem Konflikt zu entfernen und den Beteiligten einen politischen Weg zu eröffnen.

Mehr als die Hälfte der Konflikte weltweit hätten eine Dimension der Selbstbestimmung, sagte Corbu. Das gelte auch für die rund zehn Konfliktschauplätze, an denen seine Organisation tätig sei. Kakoma verwies auf eine Zahl, die die Dimension der aktuellen Lage deutlich macht: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zählt derzeit 130 aktive bewaffnete Konflikte – so viele wie noch nie.

Nur ein Bruchteil davon erhalte allerdings jene politische und diplomatische Aufmerksamkeit, die für eine nachhaltige Lösung notwendig wäre. Beide Podiumsteilnehmer sehen zudem die Rolle der UNO in der internationalen Vermittlung geschwächt.

Für Vermittlungsorganisationen sei die UNO lange der «Nordstern» eines Friedensprozesses gewesen, sagte Corbu. Heute sei dies vielerorts nicht mehr der Fall. Umso wichtiger würden neue Koalitionen und Gesprächsformate. Kakoma warnte davor, dass sich die internationale Diplomatie zunehmend auf humanitären Zugang und vorübergehende Waffenruhen konzentriere. Die politischen Ursachen eines Konflikts gerieten dadurch aus dem Blick. Selbstbestimmung lasse sich nicht allein über humanitäre Massnahmen lösen.

Was bleibt von Danspeckgruber?

Zum Abschluss ging es um die Zukunft des Instituts. Corbu, der selbst an Workshops des LISD teilgenommen hat, betonte den praktischen Nutzen der Forschung. Er habe noch keine bewaffnete Gruppe getroffen, die ihre Situation nicht für einzigartig gehalten habe. Gleichzeitig hätten diese Akteure immer wissen wollen, wie andere Konflikte gelöst worden seien.

Genau hier liege die Bedeutung des Instituts: Forschung könne Erfahrungen aus unterschiedlichen Konflikten vergleichbar machen und damit neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Kakoma plädierte dafür, die bestehende Arbeit auszubauen. Zusätzliche Aufmerksamkeit verdienten das Verhältnis von Friedens- und humanitärer Diplomatie sowie der Wiederaufbau nach Konflikten. Die grosse Mehrheit der heutigen Konflikte sei nicht neu, sondern kehre in Zyklen wieder. Über Generationen hinweg blieben Konfliktursachen bestehen, weil sie politisch nicht gelöst würden.

Wenaweser richtete den Blick schliesslich zurück auf das Verhältnis zwischen Liechtenstein und Princeton. Es sei weltweit wohl einzigartig, dass ein UNO-Botschafter ein nach seinem Land benanntes Institut an einer Universität habe. Wenn er eine Idee gehabt habe, habe er Danspeckgruber angerufen. «Und er hat fast immer Ja gesagt.»

Einen Nachfolger mit derselben Begeisterung werde man kaum finden, sagte Wenaweser. Bewahrt werden solle aber Danspeckgrubers besondere Haltung: Eine Idee zunächst ernst zu nehmen, sie nicht sofort abzulehnen und erst danach gemeinsam über ihre Umsetzung nachzudenken.

So wurde aus dem 25-Jahr-Jubiläum des Princeton-Instituts in Vaduz mehr als eine Rückschau. Es wurde eine politische Standortbestimmung in einer Zeit, in der die internationale Ordnung unter Druck steht – und zugleich eine Erinnerung an einen Mann, der Liechtenstein, Princeton und die internationale Diplomatie über Jahrzehnte miteinander verbunden hat.

Wolfgang Danspeckgruber hinterlässt dabei nicht nur ein Institut. Er hinterlässt ein Netzwerk, eine Arbeitsweise und eine politische Frage, die aktueller kaum sein könnte: Wie können Menschen und Staaten ihr Schicksal selbst bestimmen, ohne dass daraus neue Konflikte entstehen?

hitze.li