VW plant radikalen Kahlschlag: Bis zu 100’000 Stellen vor dem Aus
Volkswagen steht offenbar vor dem grössten Umbau seiner 89-jährigen Geschichte. Nach Informationen des „Manager Magazin» will Konzernchef Oliver Blume weltweit bis zu 100’000 der rund 657’000 Arbeitsplätze streichen und die Produktion an vier deutschen Standorten beenden. Das wäre rund ein Sechstel der gesamten Belegschaft – und eine drastische Verschärfung der ohnehin schon harten Sparpläne.
Die nun kolportierte Grössenordnung würde die bisherigen Ziele glatt verdoppeln. Erst vor wenigen Monaten hatte Volkswagen angekündigt, bis 2030 etwa 50’000 Stellen abzubauen. Ende 2024 hatte sich der Konzern mit den Gewerkschaften zudem auf einen Kompromiss geeinigt, der Werksschliessungen in Deutschland ausschliessen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 verhindern sollte. Genau diese Zusagen stehen mit dem neuen Programm zur Disposition.
Hinter dem Sparkurs, den Blume intern unter dem Namen „Zielbild 2030″ vorantreibt, steht das Ziel, die Kosten bis zum Ende des Jahrzehnts um rund elf Milliarden Euro zu senken. Zugleich sollen die geplanten Investitionen um etwa 15 Prozent auf gut 130 Milliarden Euro über die nächsten fünf Jahre zurückgefahren werden. Im Gespräch ist überdies, die Kernmarke Volkswagen und das Teilegeschäft in eigenständige Einheiten abzuspalten.
Vier Werke auf der Streichliste
Konkret genannt werden vier Standorte, deren Produktion eingestellt werden könnte: die Volkswagen-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Zusammen beschäftigen diese vier Fabriken mehr als 45’000 Menschen. Besonders das Werk in Emden, das auf die Fertigung von Elektroautos umgestellt wurde, und das sächsische Zwickau, lange Vorzeigestandort der E-Mobilität, gerieten zuletzt wiederholt unter Druck.
Die Gründe: China, E-Auto und schwache Nachfrage
Als Ursachen für den verschärften Sparkurs gelten ein Bündel struktureller Probleme. Das einst hochprofitable China-Geschäft wirft längst nicht mehr die gewohnten Gewinne ab; chinesische Hersteller drängen mit günstigen Elektroautos auf den Weltmarkt und setzen die etablierten Konzerne massiv unter Druck. Gleichzeitig verläuft die Umstellung auf die Elektromobilität teurer und langsamer als erhofft, während die Nachfrage in Europa hinter den Erwartungen zurückbleibt. Volkswagen, der grösste Autohersteller Europas, sieht sich damit in einem der härtesten Wettbewerbe seiner Geschichte.
Gewerkschaft und Politik kündigen Widerstand an
Der Aufschrei liess nicht lange auf sich warten. Die IG Metall und der Konzernbetriebsrat kündigten erbitterten Widerstand an. IG-Metall-Chefin Christiane Benner, Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Verhandlungsführer Thorsten Gröger sprachen von „verantwortungslosen Drohungen» gegen das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und die Standorte. Man werde solche Pläne „mit aller Macht» verhindern.
Auch die Politik schaltete sich umgehend ein. Niedersachsen, das über eine Sperrminorität am Konzern verfügt, stellte sich quer. Ministerpräsident Olaf Lies und seine Stellvertreterin Julia Willie Hamburg erklärten, das Land werde keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschliessungen als vermeintlich einfache Lösung setze. Über die Vertreter des Landes und der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat droht dem Vorstand damit eine Blockade.
Konzern bestätigt nichts
Offiziell gibt sich Volkswagen zugeknöpft. Ein Sprecher wollte sich zu „internen, vertraulichen Dokumenten» nicht äussern. Klarheit dürfte erst der 9. Juli bringen: Für diesen Tag wird eine Befassung im Aufsichtsrat erwartet, bei der die Weichen für den künftigen Kurs gestellt werden könnten.
Sollten sich die Berichte bestätigen, käme auf Belegschaft, Standorte und Zulieferer eine Zäsur historischen Ausmasses zu. Für den deutschen Industriestandort wäre ein Abbau in dieser Grössenordnung beim grössten Arbeitgeber der Branche ein Alarmsignal – und ein Sinnbild dafür, wie sehr die europäische Autoindustrie im globalen Wettbewerb unter Druck geraten ist.

