Erdrutsch in Budapest: Magyar auf dem Weg zur Zweidrittelmehrheit
EP Plenary session - Council and Commission statements - Presentation of the programme of activities of the Hungarian Presidency
Nach 16 Jahren an der Macht steht Viktor Orbán vor der grössten Niederlage seiner politischen Karriere. Das vorläufige Endergebnis zeigt ein unmissverständliches Bild: Die TISZA-Partei von Péter Magyar erreicht 138 von 199 Mandaten und sichert sich damit nicht nur die absolute Mehrheit, sondern übertrifft auch die Zweidrittelschwelle von 133 Sitzen – jene besondere Mehrheit, die in Ungarn Verfassungsänderungen ermöglicht. Fidesz–KDNP bricht auf 55 Sitze ein. Der Abend markiert eine Zeitenwende in der europäischen Politik.
Für eine Zweidrittelmehrheit, mit der in Ungarn die Verfassung geändert werden kann, sind 133 Mandate nötig. TISZA liegt mit 138 Sitzen bereits darüber, und das bei noch ausstehenden 23 Prozent der Stimmen. Sollte diese Mehrheit halten, hätte Magyar nicht nur die Regierungsgewalt übernommen, sondern auch das Werkzeug, mit dem Orbán Ungarn in den vergangenen 16 Jahren nach seinem Bild umgeformt hat.
„Ministerpräsident Viktor Orban hat mich gerade angerufen, um uns zu unserem Sieg zu gratulieren“
Péter Magyar auf Facebook.
Die nationalistische Mi-Hazánk-Bewegung (Unsere Heimat) ist als dritte Partei mit 6 Mandaten im Parlament vertreten, allesamt über die Parteiliste, kein einziges Direktmandat. Die Partei positioniert sich rechts von Fidesz und fiel in den vergangenen Jahren mit russlandfreundlichen Tönen, anti-ukrainischen Stellungnahmen und scharfer Migrationspolitik auf. Ihr Einzug ins Parlament bedeutet, dass das künftige Ungarn kein Zweiparteienparlament wird – doch an den Kräfteverhältnissen ändert Mi Hazánk nichts: Zu einer Koalition mit Fidesz reicht es zahlenmässig bei weitem nicht.
Der Kollaps von Fidesz
Der Absturz von Fidesz ist dramatisch. Bei den letzten Parlamentswahlen 2022 hatte die Partei noch 135 Mandate gewonnen und die Zweidrittelmehrheit souverän verteidigt. Nun steht sie bei 54 Sitzen – ein Verlust von mehr als 80 Mandaten. Besonders verheerend sind die Ergebnisse in den Einzelwahlkreisen: Dort, wo der Kandidat mit den meisten Stimmen direkt einzieht, hat TISZA nach aktuellem Stand 95 der 106 Direktmandate gewonnen. Fidesz kommt auf 11.
Das deutet darauf hin, dass die Opposition diesmal geschlossen hinter einem einzigen Kandidaten stand – ein entscheidender Unterschied zu früheren Wahlen, bei denen die zersplitterte Opposition gegenseitig Stimmen wegnahm.
Magyar: Vom Insider zum Systemüberwinder
Péter Magyar ist eine Ausnahmeerscheinung in der ungarischen Politik. Er trat erst 2024 ins öffentliche Rampenlicht, als er, damals noch Schwiegersohn von Staatspräsidentin Katalin Novák, mit dem Orbán-System brach und begann, es von innen zu beschreiben. Innerhalb weniger Monate baute er die TISZA-Partei zur stärksten Oppositionskraft des Landes aus. Nun könnte er Ministerpräsident werden.
Rekordbeteiligung als Vorentscheidung
Schon die Wahlbeteiligung war ein Signal. Mit rund 78 Prozent wurde ein historischer Rekord aufgestellt, mehr als zehn Prozentpunkte über dem Wert von 2022. Erfahrungsgemäss schadet eine aussergewöhnlich hohe Beteiligung dem Amtsinhaber, weil sie auf eine mobilisierte Gegenöffentlichkeit hinweist. Der heutige Abend hat diese Erwartung bestätigt.

