«Verbote helfen nicht» – Dr. Marc Risch über Social Media und die Verantwortung der Erwachsenen
Dr. Marc Risch im Landesspiegel-Interview
In vielen Ländern wird über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche diskutiert – auch in Liechtenstein. Sind Smartphones und Plattformen wie TikTok tatsächlich eine Gefahr für die psychische Gesundheit – oder überwiegt die gesellschaftliche Panik? Im Gespräch mit dem Landesspiegel erklärt Dr. Marc Risch, stellvertretender Landtagsabgeordneter, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Sportpsychiater, warum er wenig von pauschalen Verboten hält, welche Risiken Algorithmen tatsächlich bergen – und weshalb die Verantwortung vor allem bei uns Erwachsenen liegt.
Landesspiegel: Viele Menschen haben das Gefühl, dass „die Jungen“ nur noch am Smartphone sind. Sind das nur subjektive Wahrnehmung oder lässt sich das quantifizieren?
Dr. Marc Risch: Hier gibt es bestimmt „Verkennungseffekte“. Das „Grün“ im Garten des Nachbarn ist bekanntlich auch „Grüner“. Mir sind bis heute keine Studien bekannt, die eindeutig belegen würden, dass exzessives Handy-Nutzungsverhalten direkt schädigend wäre, ausser Daumenarthrosen der dominanten Hand vielleicht. Die indirekten Auswirkungen durch exzessive Nutzung von digitalen Endgeräten zu Ungunsten, von Bewegung, sozialer Teilhabe uvam. sind jedoch offensichtlich. Bei Studien gilt: Die Güte und Belastbarkeit der Studien ist oft begrenzt. Entscheidend ist, was genau gemessen wird.
Landesspiegel: Wie sieht es mit den Auswirkungen aus. Gibt es Studien zu den psychischen Folgen?
Dr. Marc Risch: Bei quantitativen Studien, die grosse Gruppen untersuchen und Symptome erfassen, finden wir oft keine klaren Kausalitäten. Qualitative Ansätze, die eher beschreibend sind, zeigen jedoch klare Entwicklungen: Social Media, das Handy als ständiger Begleiter und der Zugang zu riesigen Informationsmengen verändern unser Verhalten im Alltag massiv.
Besonders alarmierend sind die sogenannten „Filter-Bubbles“, vor allem auf TikTok. Hier gibt es auch gut gemachte Beobachtungs-Studien. Wenn jemand in einem Zustand von Melancholie, Traurigkeit, Einsamkeit oder sozialer Ausgrenzung ist – Themen wie die „Pandemie der Einsamkeit“ spielen hier eine grosse Rolle –, dann kann der Algorithmus nach etwa 28 Minuten kontinuierlichem Scrollen explizite Empfehlungen für Suizidmethoden vorschlagen. Das ist brandgefährlich und ein massives Problem.
Landesspiegel: In dem Fall sind Sie aus fachlicher Sicht für ein Social Media Verbot?
Dr. Marc Risch: Ich sage trotzdem klar Nein zu Verboten. Aber wir müssen unser eigenes Nutzungs- und Vorbildverhalten genau anschauen –vor allem uns selbst. Wir Erwachsenen kritisieren oft, „die Jungen hängen nur noch am Handy“. Aber woher haben sie dieses Verhalten? Über 95 % unseres Verhaltens – auch Reaktion auf Stress und somit auch psychische und körperliche Erkrankungen wie Depression oder Einsamkeitserleben – ist erlernt, vor allem durch Nachahmung. Das ist heute wissenschaftlich gut belegt. Die Vorbildfunktion der Erwachsenen war und ist entscheidend.
Das Jugendunwort 2016 war «Smombie» – Smartphone-Zombie. Gewählt von 12- bis 16-Jährigen. Und damit meinten sie nicht sich selbst, sondern die Erwachsenen, die lieber auf das Smartphone starren, als mit ihnen zu sprechen und sich auf Augenhöhe auszutauschen
Es gibt auch messbare strukturelle Effekte: Die Augenkontaktzeiten zwischen Müttern und Babys haben in den letzten 35 Jahren nachweisbar abgenommen. Aus Kinderheimstudien wissen wir, dass fehlender Körper- und Augenkontakt für Kleinkinder lebensbedrohlich ist. Parallel dazu bewegen sich Kinder (und wir Erwachsenen) heute viel zu wenig. Das führt zu Entkopplung von Gehirnzellen– denn das Gehirn wächst durch körperliche Aktivität. Das Hauptantidepressivum ist und bleibt demnach die Bewegung.
Landesspiegel: Ist das Format – etwa 30-Sekunden-TikTok-Videos – aus psychologischer Sicht problematisch?
Dr. Marc Risch: Man muss altersgerecht unterscheiden. Nicht jedes Doomscrolling ist schädlich – manche Menschen regulieren damit ihren Stress. Entscheidend ist, ob man aktiv entscheidet, ein Gerät zu nutzen, oder ob man unbemerkt zum Opfer einer App wird, die darauf ausgelegt ist, uns möglichst lang zu binden.
Bei vielen Apps sind es unsere Daten, die das Geschäftsmodell finanzieren. Dort haben wir Älteren eine grosse Verantwortung. Für Apps gibt es Altersfreigaben – genau wie für Filme und Fernseh-Sendungen. Ich bin ein entschiedener Verfechter davon, dass Eltern diese einhalten müssen.
Eine persönliche Anekdote: Eine unserer Töchter hat mir vor Jahren gesagt, «Papa, so wichtig kannst du nicht sein, dass das Handy beim Mittagessen auf dem Tisch liegen muss.» Sie hatte und hat recht.
Landesspiegel: Gibt es konkrete Krankheitsbilder, die man auf übertriebenen Social-Media-Konsum zurückführen kann?
Dr. Marc Risch: Zunächst die Zwangsstörungen: Ein ritualisiertes Verhalten, dem man nachkommen muss, obwohl man längst erkennt, dass es nichts bringt. Gewisse Apps mit Streak-Mechanismen und Belohnungssystemen leisten diesem Zwang aktiv Vorschub.
Dazu kommen nicht-stoffgebundene Süchte. Im Online-Gaming gibt es seit Jahren tragische Verläufe – Menschen, die 22 von 24 Stunden spielen, sich finanziell ruinieren, deren Familien zerbrechen. Und durch das Internet ist auch die Kaufsucht viel leichter zugänglich geworden.
Schliesslich gibt es Cybermobbing und Cybergrooming, die Menschen in schwere Krisen, Selbstverletzungen und Suizidversuche treiben können. Die Antwort darauf lautet: Bildung, Bildung, Bildung. Bildung und Prävention dürfen nicht an der Klassenzimmertür aufhören. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Landesspiegel: Birgt ein staatliches Verbot gewisser Plattformen nicht die Gefahr unkontrollierter Entzugserscheinungen?
Wer bereits süchtig ist, findet in der Regel einen anderen Weg – es käme zu einer Sucht-Verlagerung. Einschränkungen helfen vor allem präventiv: Sie schützen Kinder und Jugendliche, deren Gehirne sich noch entwickeln. Was mich mehr beschäftigt: Wenn wir heute einen Therapieplatz für einen 15-Jährigen mit schwerer Online-Sucht suchen, gibt es kaum spezialisierte Angebote oder Monate und jahrelange Wartezeiten
Ich kenne das Third-Screen-Phänomen aus eigener Erfahrung: Fernseher, Tablet und Handy gleichzeitig – man ist nie mehr wirklich aufmerksam. Das Gebot der Stunde sollte lauten: aktiv für Medienkonsum entscheiden, statt passiv bespielt zu werden. Push-Nachrichten ausschalten. Flugmodus nutzen. Die vermeintliche Pflicht zur dauernden Erreichbarkeit ist so etwas wie eine kollektive Neurose, die um sich greift wie eine Infektion.
Wir sollten uns dabei nicht zu stark auf die Jungen „einschiessen“. Sie sind mit diesen Technologien aufgewachsen. Wir hingegen wurden irgendwann im Erwachsenenleben damit konfrontiert – das prägt ein anderes Nutzungsverhalten. Ich bin nicht unzuversichtlich, dass die jüngere Generation langfristig einen adäquateren Umgang als unsere Generation findet. Dialog und gute Empfehlungen sind der Weg – nicht grundsätzliche Verbote.
Landesspiegel: Was sollte die Politik machen? Müsste der Landtag nicht ein Vorbild sein? Während der Sitzungen sind viele Abgeordnete ständig am Smartphone.
Ich würde hier tatsächlich für eine Ausnahme einstehen und wäre für ein Handyverbot während den Sitzungen. Es gibt für mich keinen Grund für ein Handy im Sitzungssaal des Landtags oder auch bei jeder anderen Sitzungsform, bei der Menschen – was ich enorm wichtig finde – in der analogen Welt zusammenkommen und um die besten oder die am wenigsten schlechten Lösungen ringen.
Medienbildung muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden, nicht nur Sache der Familien. Für Filme gibt es – wie erwähnt – klare Altersfreigaben. Für Apps ebenfalls – nur werden sie oft ignoriert. Ich bin klar der Meinung: Eltern müssen Altersfreigaben ernst nehmen. Wenn sie das nicht tun, tragen sie Verantwortung für mögliche Folgen.
Dazu kommt: Die Notwendigkeit, sich physisch zu bewegen, um sich zu verabreden, ist gesunken. Wir haben eine Generation, die sich viel zu wenig bewegt und stattdessen digital „mit einem Finger“ aktiv ist. Das führt zu „Gehirnentkopplung“ und letztlich – Entschuldigung – zu „Verblödung“: Das Gehirn wächst durch körperliche Aktivität und soziale Interaktion es verkümmert ohne ganzheitliche Bewegung und ein gutes Miteinander. Früher haben Kinder geklettert, jongliert, den ganzen Körper genutzt. Heute sehen wir messbar einen dramatischen Rückgang von Bewegungsdaten, schon bei Kleinkindern – parallel eine Überdigitalisierung und Unteranalogisierung.
Das stärksten Antidepressiva bleiben Bewegung und soziale Teilhabe in der Form von Augenkontakt. Die konsequente Umsetzung der WHO-Bewegungsempfehlungen zur körperlichen Aktivität wären ein erster Schlüssel, den wir endlich drehen müssen. Verbote helfen nicht; kluger Einsatz digitaler Möglichkeiten und KI kann entlasten – aber diese Entlastung müssen wir nutzen, um mehr Zeit in der realen, analogen Welt und in der Natur zu verbringen. Sonst verkümmern wir.

