Ölschock durch Iran-Krieg: Kein Vergleich mit den 1970er-Jahren

Historische Tankstelle

Historische Tankstelle | Foto: Gregor Meier

Der Krieg in Iran lastet schwer auf den globalen Energiemärkten. Der Ölpreis ist deutlich gestiegen, und Analysten warnen vor einer anhaltenden Phase erhöhter Risikoprämien. Dennoch: Ein Schock wie in den 1970er-Jahren oder eine Wiederholung der Energiekrise von 2022 ist nach Einschätzung von Ökonomen nicht zu erwarten.

In einer aktuellen Analyse vom 5. März 2026 skizziert das Makro-Research-Team der Genfer Privatbank Pictet Wealth Managementzwei Szenarien. Im Basisszenario kommt es zu einer schrittweisen De-Eskalation im Nahen Osten. Die Risikoprämien auf Öl und Gas bleiben zwar vorübergehend erhöht, doch die Preise kehren mittelfristig auf ein Niveau von rund 60 US-Dollar pro Fass zurück – konsistent mit einem strukturellen Überangebot auf dem Weltmarkt.

Im negativen Szenario – einem anhaltenden Regionalkonflikt mit schweren Lieferunterbrechungen – könnte der Brent-Preis über 100 US-Dollar pro Fass steigen und sich dauerhaft rund 30 Prozent über dem Durchschnitt von 2025 einpendeln.

Weniger Öl pro Einheit Wirtschaftsleistung

Ein wichtiger Dämpfer für die makroökonomischen Folgen ist die gesunkene Energieintensität der Weltwirtschaft. Laut Weltbank wird heute weniger als halb so viel Öl benötigt, um eine Einheit globales BIP zu erzeugen, als noch in den 1970er-Jahren. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass ein dauerhafter Anstieg der Ölpreise um 30 Prozent das globale BIP im Folgejahr um bis zu 0,5 Prozentpunkte bremst und die globale Inflation um rund 1,2 Prozentpunkte anhebt. Das ist spürbar – aber weit entfernt von den Verwerfungen früherer Energiekrisen.

Ein weiterer stabilisierender Faktor: Die Risiken sogenannter Zweitrundeneffekte auf die Lohnentwicklung sind in den meisten Industrieländern gering. Die Arbeitsmärkte haben sich seit dem Inflationsschub der Pandemiejahre entspannt, was eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale unwahrscheinlicher macht.

USA: Relativer Vorteil als Nettoexporteur

Die Vereinigten Staaten sind dank ihrer gewachsenen Schieferölproduktion heute Nettoproduzent von Öl – und damit deutlich widerstandsfähiger gegenüber einem Ölpreisschub als noch vor zehn Jahren. Zwar steigen auch in den USA die Konsumentenpreise, doch der Energieanteil am Haushaltsbudget hat sich seit den frühen 1980er-Jahren halbiert.

Für die US-Notenbank Federal Reserve ergibt sich ein Balanceakt: Im Basisszenario dürften die Zinserhöhungsrisiken begrenzt bleiben. Im negativen Szenario jedoch – mit einem dauerhaften Anstieg der Energiepreise um 30 Prozent – könnte die Fed die erwarteten Zinssenkungen im Juni und September verschieben, da die Inflation kurzfristig steigt, während die Wachstumsrisiken überschaubar bleiben.

Europa besonders exponiert

Für Europa gestaltet sich das Bild ungünstiger. Als überwiegend nettoimportierende Region von Öl und Gas ist Europa direkter von steigenden Energiepreisen betroffen. Zwar hat die EU ihre Lieferantenstruktur nach der Energiekrise von 2022 diversifiziert – Norwegen ist heute der wichtigste Erdgaslieferant, gefolgt von den USA –, doch die Abhängigkeit vom Weltmarkt bleibt erheblich.

Als Faustregel gilt: Ein dauerhafter Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar erhöht die Teuerung im Euroraum um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte. Hinzu kommt der Preisauftrieb beim Erdgas. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte vorerst an ihrer abwartenden Haltung festhalten. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird nach Einschätzung von Pictet auf ihrer nächsten Sitzung einen vorsichtigen, aber eher restriktiv ausgerichteten Ton anschlagen.

Schweiz: Frankenstärke als zusätzliche Belastung

Für die Schweiz – und damit auch für das eng verflochtene Liechtenstein – entsteht eine doppelte Herausforderung. Einerseits verteuern steigende Rohstoffpreise die Importkosten. Andererseits setzt die anhaltende Frankenstärke der exportorientierten Industrie zu, die ohnehin unter dem Druck der US-Zölle und der globalen Handelsunsicherheit steht.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte als erste Verteidigungslinie auf Devisenmarktinterventionen setzen, um eine übermässige Aufwertung des Frankens zu verhindern – selbst angesichts möglichen Drucks aus Washington. Die psychologisch bedeutsame Marke von 0,90 Franken je Euro steht dabei im Fokus. Eine Rückkehr zu Negativzinsen gilt als letztes Mittel und würde von der SNB nur in einem deutlich schlechteren Szenario – etwa einer drohenden globalen Rezession – erwogen.

Asien: Puffer vorhanden, aber begrenzt

Die asiatischen Volkswirtschaften zählen zu den verwundbarsten Regionen, da sie in hohem Mass auf Öltransporte durch die Strasse von Hormus angewiesen sind. Rund 70 Prozent der japanischen und koreanischen Ölimporte sowie rund 40 Prozent der chinesischen Importe durchqueren diesen neuralgischen Seeweg. China verfügt über strategische Reserven für etwa 100 Tage, Japan für rund 250 Tage – ausreichend, um kurzfristige Versorgungsunterbrüche zu überbrücken, aber kaum für langanhaltende Störungen.

Bei einem Ölpreisanstieg von 30 Prozent würde die Inflation in China und Japan um bis zu 0,6 Prozentpunkte steigen. Peking dürfte auf diesen Schock mit zusätzlichen geldpolitischen Lockerungen reagieren. In Japan hingegen würde die Wahrscheinlichkeit einer kurzfristigen Zinserhöhung durch die Bank of Japan sinken.

Fazit: Beherrschbar, aber kein Nicht-Ereignis

Der Ölschock infolge des Iran-Kriegs ist weder mit der Erdölkrise der 1970er-Jahre noch mit der Energiekrise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 vergleichbar. Die gesunkene Energieintensität der Weltwirtschaft, die veränderte geopolitische Stellung der USA und die ausgebliebenen Lohn-Preis-Spiralen sind dämpfende Faktoren. Dennoch: Für Europa und Asien ist der Schock real. Steigende Inflation, verzögerte Zinssenkungen und erhöhte Unsicherheit werden die wirtschaftliche Erholung bremsen – wie stark, hängt massgeblich vom weiteren Verlauf des Konflikts ab.

werbung_3
Fehler gefunden?