Wladimir Klitschko: „Wer Frieden will, muss vorbereitet sein“

Wladimir Klitschko

Wladimir Klitschko in München | Foto: Gregor Meier

Im Rahmen eines Side Events der Münchner Sicherheitskonferenz an der Technischen Universität München sprach Wladimir Klitschko vor Studierenden, Wissenschaftlern und Gästen aus Politik und Gesellschaft über den Krieg in der Ukraine, Führung in Krisenzeiten und die Verantwortung Europas. Die Veranstaltung war Teil der TUM Speaker Series und stand ganz im Zeichen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Leben im Krieg: Alltag zwischen Kälte und Unsicherheit

In dem fast eine Stunde dauernden Gespräch schilderte Wladimir Klitschko eindrücklich, was es bedeutet, unter Kriegsbedingungen zu leben. Er beschrieb Wintertage mit Temperaturen von minus 25 Grad, beschädigte Wasserleitungen, fehlende Heizung und Stromausfälle in Hochhäusern. Dinge, die in friedlichen Demokratien selbstverständlich erscheinen – fliessendes Wasser, Wärme, Elektrizität –, würden im Krieg plötzlich existenziell.

Klitschko erinnerte daran, dass viele junge Menschen in Europa in Freiheit und Demokratie aufgewachsen seien, ohne deren Wert wirklich zu begreifen. Er selbst sei noch in der Sowjetunion geboren worden und habe den Übergang in ein demokratisches System erlebt. Gerade deshalb sei ihm bewusst, wie zerbrechlich Freiheit sei – und wie wichtig es sei, sie aktiv zu verteidigen.

Führung, Moral und persönliche Verantwortung

Ein zentrales Thema seines Vortrags war die Frage nach moralischer Integrität. Klitschko schilderte sehr persönlich, wie er zu Beginn des grossangelegten Angriffs 2022 vor der Entscheidung stand, die Ukraine zu verlassen oder zu bleiben. Er habe sich gefragt, was im Leben wirklich zähle: Titel, Geld, internationale Anerkennung? Letztlich sei es seine moralische Überzeugung gewesen, die ihn in Kyjiw gehalten habe.

Seine Botschaft an die Studierenden war klar: Jeder müsse sich fragen, wofür er stehe. Erfolg sei bedeutungslos, wenn er nicht mit den eigenen Werten im Einklang stehe. Gerade junge Menschen hätten historisch immer wieder gesellschaftliche Veränderungen angestossen – so auch während der Proteste 2013/14 in der Ukraine, als Studierende für eine europäische Zukunft auf die Strasse gingen.

Einheit des Westens und Sicherheitsgarantien

Mit Blick auf die internationale Politik warnte Klitschko vor Spaltungstendenzen im Westen. Das Prinzip „divide et impera“ – teile und herrsche – sei ein zentrales Instrument russischer Politik. Die Einheit der freien Welt dürfe daher keine Option, sondern müsse eine Obsession sein.

Zum Thema Frieden äusserte er sich differenziert, aber bestimmt: Ein gerechter und dauerhafter Frieden könne nur erreicht werden, wenn die Aggression Russlands scheitere. Sicherheitsgarantien allein reichten nicht aus – die Geschichte der 1990er-Jahre habe gezeigt, wie brüchig solche Zusagen sein könnten. Wer in Frieden leben wolle, müsse auch bereit sein, sich zu verteidigen und starke Bündnisse einzugehen.

Korruption und Digitalisierung als Reforminstrument

Auf die Frage nach Korruptionsskandalen in der Ukraine reagierte Klitschko offen. Diese Fälle seien schmerzhaft und nicht akzeptabel, insbesondere gegenüber den Soldatinnen und Soldaten an der Front. Zugleich verwies er auf die Fortschritte bei der Digitalisierung staatlicher Prozesse.

Die Ukraine sei heute eines der am stärksten digitalisierten Länder Europas. Digitale Verwaltungsanwendungen, transparente Haushaltsplattformen und Online-Dienste könnten Korruption wirksam eindämmen, da sie Prozesse nachvollziehbar und überprüfbar machten. Transparenz sei ein entscheidender Baustein für das Vertrauen der internationalen Partner.

Das Schicksal deportierter Kinder

Besonders eindringlich wurde Klitschko, als er über die Arbeit der Klitschko Foundation sprach. Neben Bildungs- und Jugendprojekten stehe derzeit vor allem ein Thema im Fokus: die Verschleppung ukrainischer Kinder in von Russland kontrollierte Gebiete oder nach Russland selbst.

Er sprach von zehntausenden identifizierten deportierten Kindern, möglicherweise sogar von Hunderttausenden Betroffenen. Diese Kinder würden ihrer Identität beraubt, umerzogen und teilweise militärisch indoktriniert. Für Klitschko ist die Rückführung dieser Kinder eine moralische Verpflichtung – und ein zentrales Ziel seines Engagements.

Ein Appell an die junge Generation

Der Abend endete mit einem klaren Appell an die Studierenden: Demokratie sei kein Selbstläufer. Freiheit müsse bewahrt und verteidigt werden – politisch, gesellschaftlich und, wenn nötig, militärisch. Jeder Einzelne müsse sich fragen, welchen Beitrag er leisten könne.

Wladimir Klitschko verband persönliche Erfahrungen, politische Analyse und moralische Reflexion zu einer eindrucksvollen Botschaft: Der Kampf der Ukraine sei nicht nur ein nationaler, sondern ein europäischer – und die Zukunft hänge entscheidend von der Haltung und dem Engagement der jungen Generation ab.

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