Kunst als Reflexionsraum: RELAX eröffnen das Jahr im Kunstmuseum Liechtenstein

RELAX im Kunstmuseum Liechtenstein

RELAX im Kunstmuseum Liechtenstein

Mit «What is wealth?» hinterfragen Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser gesellschaftliche Werte und ökonomische Strukturen – doch wo bleibt die Ästhetik? Zur Eröffnung lud das Kunstmuseum Liechtenstein heute zu einem Künstlergespräch.

Was aussieht wie ein verpacktes Weihnachtsgeschenk, entpuppt sich als kunsthistorisches Objekt mit vielschichtiger Bedeutung. Es ist exemplarisch für die Arbeitsweise des Künstlerduos RELAX – Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser –, das seit 1983 zusammenarbeitet und nun mit «What is wealth?» das Programmjahr 2026 eröffnet.

Zur Vernissage am Donnerstagabend führte Linda Schädler, Leiterin der Grafischen Sammlung an der ETH Zürich, ein Gespräch mit den beiden Künstlern. Schädler hatte bereits 2018 mit RELAX die Ausstellung «What do we want to keep?» realisiert – eine Arbeit, die das Kunstmuseum Liechtenstein mittlerweile erworben hat und die nun prominent an der Aussenwand hängt.

Vom Naturprodukt zum ökonomischen Massstab

Die besagte Karobschote, ein Hülsengewächs aus der Familie der Johannisbrotgewächse, illustriert das charakteristische Vorgehen des Künstlerduos. «Die Form hat uns interessiert, ohne zu wissen, was es ist», erklärte Chiarenza. Die Schoten waren im Atelier präsent, wurden gesammelt, und erst allmählich entwickelte sich das Konzept. In der Ausstellung liegt die Schote nun auf einem Tisch, während eine zweite, in Drahtgeflecht versunkene Variante unter einer Glashaube präsentiert wird.

Was zunächst wie ein botanisches Kuriosum erscheint, entfaltet eine weitreichende ökonomische Dimension: Die Samen der Karobschote dienten im Mittelmeerraum vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert als Gewichtsstandard. Aus ihnen entwickelte sich das Karat – jenes Mass, mit dem noch heute der Goldanteil in Edelsteinen bemessen wird. «Dieser Übergang vom Naturprodukt zum Messinstrument für extraktiv gewonnene Rohstoffe interessiert uns», so Hauser.

Arbeit, Wert und menschliche Ressourcen

Ein zentrales Thema der Ausstellung ist der Wert menschlicher Arbeit. Die Installation «Human Resources» beschäftigt sich mit dem ökonomisch-sozialwissenschaftlichen Begriff, der Menschen als «zur Verfügung stehendes Leistungspotenzial» definiert. Bereits 2016 in der Kunsthausgarage Aarau gezeigt, erscheint die Arbeit nun in veränderter Form: Nicht mehr als durchgestrichene Gegenüberstellung, sondern als Begriff, der sich auflöst und neu formiert.

«Das Streichen eines Wortes ist ein typisches Statement der Ökonomie – entweder oder», erläuterte Chiarenza. «Hier geht es um Beziehungen, um die Spannung zwischen Ressourcen und Menschen.» Diese Verschiebung spiegelt die Arbeitsweise von RELAX wider: Themen werden über Jahre bearbeitet, tauchen in verschiedenen Kontexten wieder auf und werden neu kontextualisiert.

Wenn die Botschaft das Erleben überlagert

So nachvollziehbar und zeitgemäss die Themen sind, die RELAX aufgreifen – von Ressourcenknappheit über Care-Arbeit bis zur Kritik an ökonomischen Denkmodellen wie Total Quality Management –, so sehr drängt sich die Frage auf: Wo bleibt die Kunst um ihrer selbst willen? Die Ausstellung ist, wie die Künstler selbst im Gespräch betonten, «ideologisch geprägt». Jedes Objekt, jede Zeichnung, jede Installation trägt eine gesellschaftspolitische Botschaft.

Gewiss, Kunst war schon immer auch politisch, auch gesellschaftskritisch. Doch in «What is wealth?» scheint die ästhetische Erfahrung dem konzeptuellen Überbau untergeordnet. Die Karobschote mag formal interessant sein – doch ihre Präsentation lebt primär von der Erklärung, von der Kontextualisierung, vom intellektuellen Nachvollzug der Zusammenhänge. Man fragt sich: Darf Kunst heute noch einfach schön sein? Darf sie berühren, ohne zu belehren? Darf sie das Auge erfreuen, ohne den Verstand zu fordern?

Die handgezeichneten Farbstiftarbeiten, die RELAX bewusst als Gegenpol zur digitalen Informationsflut einsetzt, hätten durchaus das Potenzial für sinnliche Momente. Doch auch sie sind eingebunden in ein dichtes Netz aus Verweisen, Referenzen und kritischen Fragestellungen. Der Besuch wird zur intellektuellen Übung – was nicht per se problematisch ist, aber eine gewisse Ermüdung hervorrufen kann in einer Zeit, in der ohnehin alles kommentiert, kontextualisiert und kritisch hinterfragt werden muss.

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