Früh aufstehen: Gesundheitsrisiko oder Erfolg?

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In zahlreichen Ratgebern, Podcasts und Erfolgsgeschichten wird frühes Aufstehen – oft schon um fünf Uhr morgens – als Schlüssel zu Produktivität, Disziplin und beruflichem Erfolg angepriesen. Doch Schlafexperten warnen davor, diese Empfehlung unkritisch zu übernehmen. Denn nicht jeder Mensch ist biologisch dafür gemacht, früh aufzustehen. Entscheidend ist die individuelle innere Uhr, die massgeblich genetisch bestimmt ist.

Grundsätzlich unterscheidet die Schlafforschung zwischen sogenannten Chronotypen: den „Lerchen“ (Frühaufstehern) und den „Eulen“ (Spätaufstehern). Lerchen werden früh müde, wachen früh auf und sind morgens besonders leistungsfähig. Eulen hingegen kommen abends in Schwung, schlafen länger und erreichen ihre höchste Konzentration oft erst später am Tag. Studien zeigen, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen Lerchen sind, während 20 bis 30 Prozent als Eulen gelten. Die Mehrheit – rund 50 Prozent – liegt zwischen diesen beiden Extremen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass pauschale Erfolgsrezepte wie „früh aufstehen um jeden Preis“ nicht für alle funktionieren können. Wer entgegen seiner biologischen Veranlagung dauerhaft zu wenig schläft, riskiert langfristige gesundheitliche Schäden. Der Weg zu Erfolg und Leistungsfähigkeit beginnt daher nicht mit dem Wecker in den frühen Morgenstunden, sondern mit dem Verständnis der eigenen biologischen Grenzen. Gesund zu bleiben bedeutet auch, dem Körper den Schlaf zu geben, den er benötigt.

Für einen erholsamen Schlaf spielen mehrere Faktoren eine entscheidende Rolle. Dazu gehören eine dunkle und ruhige Schlafumgebung, eine angenehme Raumtemperatur sowie der richtige Zeitpunkt der letzten Mahlzeit. Auch regelmässige Schlafzeiten unterstützen den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Wird der Schlaf dauerhaft verkürzt oder gestört, steigt das Risiko für zahlreiche Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Probleme, Stoffwechselstörungen, Depressionen und ein geschwächtes Immunsystem. Zudem leidet die Konzentrationsfähigkeit, die emotionale Stabilität und die allgemeine Lebensqualität.

Schlafmangel ist jedoch nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch ein gesellschaftliches. Starre Arbeits- und Schulzeiten orientieren sich häufig an einem frühen Tagesbeginn und berücksichtigen die unterschiedlichen Chronotypen kaum. Besonders Nachtmenschen geraten dadurch unter Druck, da sie trotz später biologischer Leistungsphasen früh funktionieren müssen. Dies führt nicht selten zu chronischem Schlafdefizit mit weitreichenden Folgen für Gesundheit und Produktivität.

Umso wichtiger ist es, die Bedeutung von ausreichend Schlaf ernst zu nehmen – sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Flexible Arbeitszeiten, ein bewusster Umgang mit Schlafgewohnheiten und mehr Aufklärung über Chronotypen könnten dazu beitragen, Gesundheit und Leistungsfähigkeit nachhaltig zu verbessern. Denn wahre Effizienz entsteht nicht durch frühes Aufstehen um jeden Preis, sondern durch einen Lebensstil im Einklang mit der eigenen inneren Uhr.

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